Gunzenhausen – Flüchtlinge aus Tachau/Tachov im Egerland fanden in Gunzenhausen ihre zweite Heimat.
„Wir erinnern heute an die vielen Opfer des Nationalsozialismus, wir erinnern an die zahlreichen Opfer aus den Reihen der sudetendeutschen Sozialdemokratie und wir erinnern aber auch an die Opfer des Holocausts und der Todesmärsche“, so Christa Naaß, Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde, der Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten in ihrer Rede am Mahnmal MOHYLA in Tachau.

Petr Vrána, Bürgermeister von Tachov, zeigte sich sehr erfreut über den Besuch aus Deutschland und die Gedenkveranstaltung in Tachov. Vrána verwies auf die Informationstafel am Fuß des Mahnmals, die die Vorkommnisse vor 80 Jahren dokumentiert und erklärte, wie wichtig es sei an die Gräuel des Krieges zu erinnern, gerade heute, wenn unweit in Europa wieder Kriegsverbrechen begangen würden. Der Bürgermeister verwies auch auf den neuen jüdischen Friedhof in Tachau, der nicht weit vom Stadtfriedhof entfernt liegt und in dem eine weitere Gedenkstätte zu finden ist für die Toten der mit der Eisenbahn nach Tachau transportierten Häftlinge aus dem KZ Buchenwald und die dort verbrannt wurden.
Bundesvorsitzende Christa Naaß, deren Eltern Hans und Marie Pfeil bis zur Aussiedelung im Jahr 1946 hier lebten und auch deren Bruder Alfred Pfeil, ehemaliger 2. Bürgermeister von Gunzenhausen, der 1945 in Tachau geboren wurde, erinnerte an die damalige Situation, auch politische Situation, der hier lebenden Menschen: „Bei den Wahlen am 12. Juni 1938 erhielt in Tachau die Sudetendeutsche Partei unter der Führerschaft des Gauleiters Henlein 3694 Stimmen, die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) in der Tschechoslowakischen Republik kam nur auf 425 Stimmen, die Kommunistische Partei auf 58 Stimmen“, so Christa Naaß. Sie erinnerte aber auch an die 311 jüdischen Bürger, die im Bezirk Tachau mit seinen 40.400 Einwohnern lebten. Sie zitierte aus einem Artikel des Bezirksrabbiners anlässlich der 600-Jahr-Feier Tachau im Jahr 1929 mit der Überschrift: „Die Heimatliebe der Tachauer Juden“: „Mit diesem Idealen Bewusstsein feiert das Tachauer Judentum dieses seltene Jubiläum der sechshundertjährigen Heimatliebe, indem die Tachauer Juden nach wie vor den altklassischen Ausspruch von Sophokles befolgen „Nicht mitzuhassen, sondern mitzulieben sind wir da“.
Wenige Jahre später – in der Nacht des 10. November 1938 – wurde die Tachauer Synagoge in Brand gesetzt und die Feuerwehr, die helfen wollte, wurde daran gehindert, den Brand zu löschen. Am 27. Dezember 1938 wurden auch in Tachau die Nürnberger Gesetzte eingeführt. Aus Tachau flüchteten 250 Juden nach Amerika und England. Von den Verbliebenen kamen viele ums Leben. Zudem zogen in der Zeit vom Januar bis April 1945 über das westböhmische Gebiet etliche Transporte von Kriegsgefangenen und vor allem Todesmärsche von KZ-Häftlingen in Richtung des Konzentrationslagers Flossenbürg, denn die Nazis wollten auf Grund des Vormarsches der Alliierten die begangenen Spuren der dort begangenen Grausamkeiten an unschuldigen Menschen verwischen.
„Im Tachauer Kreis wurden 15 Massengräber entdeckt. Die sterblichen Überreste von über 230 Menschen wurden im September 1946 hier auf dem Hügel in Tachau in ein Massengrab gelegt und ein Denkmal nach dem Entwurf des Maurermeisters Jan Kriz errichtet und MOHYLA genannt. Diese Gedenkstätte wurde am 16. Mai 1948 feierlich der Öffentlichkeit übergeben“
„Ich danke der Stadt Tachau“, so Christa Naaß, „die diese Gedenkstätte weiter aufrechterhält und pflegt, denn Gedenkstätten sind wichtig, um der Opfer zu gedenken aber auch wichtig für das Erinnern“, so Naaß weiter. „Gerade im Gedenkjahr 2025 sei dieses Erinnern so wichtig, nicht nur um des Erinnerns wegen, sondern als ein Erinnern für die Gegenwart und für die Zukunft“.
Als Vorsitzende der Seliger-Gemeinde erinnerte Christa Naaß an diesem Ort auch daran, wie es Sozialdemokraten nach der Machergreifung in Tachau erging. Die Sozialdemokraten, darunter auch ihre Eltern, wussten sehr wohl, was sie persönlich zu erwarten hatten und wohin die Ereignisse führen würden. Einige flohen in tschechische Gebiete, wollten also in Emigration gehen. Diese wurden jedoch nach der Mobilmachung durch die tschechische Regierung der Deutschen Wehrmacht übergeben, die sie mit einem LKW nach Tachau zurückbrachte. Dort wurden sie immer wieder verhört, und mancher kam nicht unbeschadet wieder zurück.
„Es waren 30 – 35 Tachauer Bürger, davon 20 – 25 Sozialdemokraten, sechs Kommunisten und einige jüdische Einwohner. Unter den verhafteten Personen waren z.B. Josef Hampl, Josef und Frau Haubner, Ludwig und Franz Grießl, Johann und Josef Zeidler, aber auch mein Vater Johann Pfeil. Mein Vater verlor die Arbeitsstelle, weil er sich weigerte der Henlein-Partei beizutreten. Von der Gestapo verhaftet kam er vom Oktober bis Dezember 1938 in Schutzhaft in den Gefängnissen von Tachau, Weiden und Regensburg. 12 Personen gelang die Flucht und gingen in Emigration. Sie fanden in Schweden, Norwegen, England und Kanada Aufnahme.
Christa Naaß: Die Erinnerung an die Ereignisse der Jahre 1945 und 1946 verpflichtet uns zu dreierlei:
1. Zu einer Erinnerungskultur, die dem Frieden dient,
2. zum Kampf für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und gegen rechtes Gedankengut, Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit und
3. und zu einem verstärkten Einsatz für ein geeintes Europa.
Beide Gedenkstätten hier in Tachau sollen gerade im 80. Jahr des Kriegsendes mahnen und deutlich machen: Nie wieder!
Quelle und Bilder: Christa Naaß
