Gunzenhausen – Die von einem Esel penetrierte Feenkönigin war in diesem zweieinhalb Stunden andauernden theatralen Kuriositätenkabinett ein vermeintlicher Höhepunkt. Vielleicht war es aber auch Kobold Puck, der auf Knien gestützt die Skandalrocker von Rammstein anstimmte und dazu wippend tierische Affenlaute von sich gab. Das Münchner Theater-Ensemble Persona machte es einem diesmal wirklich nicht leicht. Deren Interpretation des Shakespeare´schen Sommernachtstraums fühlte sich zeitweise an wie eine Rundreise durch Theater-Absurdistan. An sich kein Problem, vor allem nicht für Freunde moderner Inszenierungen. Dass hierbei vielleicht der ein oder andere „klassische“ Theaterfan auf der Strecke bleibt, geschenkt. Aber der Sommernachtstraum ist per se schon keine leichte Theaterkost, alleine wegen der vielen Namen und Beziehungsgeflechte. Den Überblick zu behalten ist für Ungeübte und Textfremde sehr schwierig. Bei dieser Sommernachtstraumgeschichte (Kooperation mit dem Scharoun Theater Wolfsburg) setzt Regisseur Tobias Maehler allerdings noch einen oder mehrere drauf und zielt auf schweißtreibend-dynamische Performance-Akte, Wortakrobatik und den ein oder anderen Vorstoß in die Jetztzeit.

76-mal hat das Ensemble Persona den Sommernachtstraum auf die Bühne gebracht, doch von Abnutzung keine Spur. Das Stück ist den Damen und Herren aus der bayerischen Landeshauptstadt ans Herz gewachsen, sie spielen die Figuren nicht nur, sie leben sie. Und das mit viel Körpereinsatz, denn es wird geschrien, gerannt und geschwitzt. Es ist der Verweis auf das animalisch Rauschhafte, was in dieser Inszenierung zentral herausgearbeitet wird. Dionysisch und mit leicht expressionistischem Einschlag werden die zwei bekannten Paare Hermia/Lysander sowie Helena/Demetrius nach einer Zauberbehandlung durch Kobold Puck zu menschlichen Tieren. Oder nähern sich diesen zumindest charakterlich an. Das Triebhafte steht im Vordergrund und bahnt sich Raum auf allen Ebenen. Der von Yannick Zürcher superb verkörperte Lysander tänzelt plötzlich einem Raubtier gleich knurrend um seine Beute Helena (Julia Gröbl). Sophia Lahme als Hermia entgeht seinem brünstigen Werben zwar, schlägt sich allerdings mit dem unmoralischen Demetrius (Hannes Achim Langanky) herum. Immer wieder umkreisen sich die Protagonisten und warten auf ein Zeichen der Schwäche. Dass in dieser Phase Feenkönig Oberon (Peter Kempkes), Georg Heyms personifiziertem „Krieg“ gleich, stampfend die Reihen der Feen abläuft, hinter ihm folgend auf allen Vieren der ergebene Puck, ist Ausdruck von Abstraktion jeglicher körperlichen Form. Wie in einem Gemälde Kandinskys werden Instinkte sichtbar und das Animalische beseelt. Das Tierische wird dem Menschlichen als überlegen gezeigt. Auf der Bühne äußert sich das buchstäblich in harter Arbeit. Den Schauspielerinnen und Schauspielern wird einiges zugemutet, die Gesichter glänzen vom Schweiß und die ein oder andere Klamotte muss dran glauben.
Besonders herauszuheben ist die exzellente Anja Neukamm, die im Sommernachtstraum den Puck verkörpert. Ihre szenische Abhängigkeit vom Elfenkönig Oberon zwingt sie in einen permanent gehetzten Zustand hinein. Die Bühne wird zur schlicht dekorierten Arena, in der sich das Fabelwesen überall wiederfindet und aufhält. Puck ist Wächter aller Figurengefühle und beeinflusst damit das Publikum. Geschickt öffnet der Kobold einen Raum für emotionale Offenheit und macht die Besucherinnen und Besucher zu Komplizen und Zeugen. Sinnbildlich geschieht dies durch bunte Plastikeier, welche vor der Vorführung auf die Sitzplätze gelegt wurden und auf Kommando Pucks geschüttelt werden müssen. Natürlich ein großer Spaß, gleichzeitig aber auch Beweis, welch mächtige Mittel Empathie und Emotionen sein können.
Den Dauerstress unterbricht das Ensemble Persona geschickt durch witzige Einschübe, in denen eine bunt gekleidete Handwerkertruppe um ein Theaterstück für die Hochzeit des Theseus ringt. Dieser radikal-ambivalente Bruch fordert den Schauspielerinnen und Schauspielern viel ab. Das dunkel Mystische weicht dem heiter Alltäglichem, dass zügellos Rauschhafte überraschenden Slapstickeinlagen. Dieser radikale Wechsel zeigt das große schauspielerische Potential der Gruppe, welche Stimmungs- und Szenenwechsel mit Bravour meistert.
Die Inszenierung ist bis ins Detail perfekt ausbalanciert. Verfolgungsjagden über die Bühne werden zum „Running Gag“, Geräusche einfühlsam und inspirierend eingesetzt. Körperreaktionen wie Husten oder Niesen lassen das Publikum bewusstwerden, dass in diesem Stück Traum nur vielleicht Wirklichkeit und Wirklichkeit vielleicht aber auch nur Traum ist. Dazu gehören deplatziert wirkende Schlagereinschübe. Von „Liebe ist ein seltsames Spiel“ bis „Du hast den Farbfilm vergessen“ wurde das Publikum mit Ohrwürmern malträtiert. Ganz nach dem Motto: „Wer Worte nicht fühlt, versteht sie nicht!“
Bedrohte Liebeleien, schädliches Patriarchat, Lügen, Verderb, Glück – alles drin in diesem Sommernachtstraum. Doch übertreibt es diese Inszenierung in seiner experimentellen Radikalität? Zumindest auf das Schattentheater mit kopulierendem Esel, Feenkönigin und sich räkelnden Feen hätte Zuschauer wohl verzichten können. Im orgiastischen Akt sind Mensch und Tier gleich, die Intension ist klar. Doch diese Monstrosität hätte es zum Verständnis wahrlich nicht gebraucht.
Weiter geht es mit der Gunzenhäuser Theaterspielzeit am 25. April 2026. Dann wird in der Stadthalle „Was war und was wird“ gezeigt. Nähere Informationen erhalten Sie unter www.gunzenhausen.info.
Quelle und Bilder: Stadt Gunzenhausen – Manuel Grosser
