House of Cards mit Heiligenschein

Gunzenhausen – In einem anderen Leben wäre der fiktive US-Präsident und Vorzeigemisanthrop Frank Underwood vielleicht Priester geworden. Zumindest stehen ihm die Würdenträger der katholischen Kirche in Sachen „Intrigen, Lügen und Korruption“ in nichts nach, so vermittelt es zumindest die bitterböse Theaterkomödie „Kardinalfehler“, die am letzten Samstag in der Gunzenhäuser Stadthalle im Rahmen der THEATERspielzeit aufgeführt wurde. Ein Heidenspaß, dem leider zum Ende hin ein wenig die Luft ausging.

Das Ensemble war großartig und auch die Kulisse konnte vollends überzeugen. Hinter dem massiven Schreibtisch und überm Kopf des Bischofs thronte einem Heiligenschein gleich ein riesiges Kreuz. Reduziert und dennoch detailverliebt eingerichtet, wirkte das Amtszimmer mehr wie ein chirurgischer Fachbetrieb als ein Büro. In diesem Bistum herrscht mehr Schein als Sein, es brauchte keine Erklärung, um zu dieser Erkenntnis zu kommen.

Doch kommen wir zum Ensemble: Hans Machowiak spielte einen strategisch denkenden, arrogant-überzogenen Generalvikar, quasi den Bistums-Stabschef, der mit ständig schwitzender Stirn seinem Boss, Bischof Konrad Glöckner, jedes Problem abnimmt, manchmal gar mit unlauteren Mitteln. Er ist der schmuddelig aussehende, gewissenlose Arbeiter im Hintergrund, der seinen Chef vor potentiellen Gefahren schützt. Er sucht Schlupflöcher und hält dem Bischof den Rücken frei. Das hat dieser von Schauspielveteran Gerd Silberbauer superb gespielte Mann auch bitter nötig, ist er doch korrupt und machtversessen. Außerdem stellt sich früh im Plot heraus, dass er als junger Priester nach einer Party ein Kind gezeugt hat. Das taucht nun auf und stellt ihn als titelgebender „Kardinalfehler“ zur Rede. Da kann aus seiner Sicht nur Schweigegeld helfen, immerhin hat sich der Papst himself angekündigt um den 700sten Geburtstag des Bistums zu feiern. Und da braucht niemand einen Skandal.

Die Handlung entwickelt sich vor der Pause derart dynamisch, dass dem Gunzenhäuser Publikum aufgrund der Gagfülle und bösen Witze der Bauch schmerzt. Die Kirchenmenschen beim Taktieren zu belauschen macht Spaß und appelliert gekonnt an die dunkle Seite unserer Seele. Doch dann ein Bruch, die zweite Hälfte beginnt – die bisher mit großer Spielfreude aufgebaute, vor Sarkasmus triefende Handlung wird mit aktivistischem Eifer auf den Kopf gestellt. Der Plot vor und der nach der Pause scheint aus verschiedenen Federn und Händen gekommen zu sein. Vorher klang ein Dialog zwischen katholischen Geistlichen etwa so: „Die evangelische Kirche ist eine Kirche ohne Traditionen, so eine Bürgerinitiative in Birkenstock. Verweichlichte Typen mit Fächerblick eben.“ Bäm, das sitzt und zieht Schmunzler nach sich! Doch plötzlich fast nur noch Glückskeks-Metaphern: „Menschen haben keinen Preis, sondern einen Wert!“ oder „die Kirche will, dass ihr mehr folgen, grenzt aber immer mehr Menschen aus!“. Wichtige und richtige Aussagen, keine Frage. Doch diese wirken an dieser Stelle seltsam deplatziert. Zudem stimmt letzte Aussage nicht – in den letzten Jahren öffnet sich die Kirche immer mehr auch bisher weniger berücksichtigten Gruppen, wird bunter und vielfältiger. Spannender wäre daher die Diskussion gewesen, ob diese Abkehr von jahrhundertewährenden konservativen Überzeugungen nicht eher die schwindende gesellschaftliche Relevanz der Kirchen erklären könnte.

Vor der Pause war „Kardinalfehler“ ein außergewöhnlich gutes Theaterstück, voller Zynismus, boshafter Wortgefechte und einem toll aufgelegten Ensemble. Hier wird erpresst, gelogen und intrigiert – House of Cards in Reinform eben, die Schauspielerinnen und Schauspieler leisten bis in die Nebenrollen Großes und zeigen mit Herzblut, was in ihnen steckt. Man merkt richtig, wieviel Spaß alle mit den Dialogen hatten. Dann will das Stück zu viel und greift die Institution Kirche in unglaubwürdiger Weise frontal an. Auch die Figurenentwicklung ist nicht mehr linear. Der selbstbewusste Generalvikar bekommt es plötzlich mit der Angst zu tun. Der machthungrige Bischof Glöckner hat als nächsten Karrierestep den Vatikan vor Augen, nun wird ihm aber alles zu viel. Und das uneheliche Kind Emma, gespielt von Susanne Theil, erzwingt zwar einen Vaterschaftstest und schreit im Amtszimmer lautstark herum, zieht es aber dann seltsamerweise vor, den Bischofs-Papa ungeschoren davon kommen zu lassen und verschwindet aus der Handlung.

Aus einer raffiniert konstruierten und fesselnden Dramatik wird ein eher langweiliges Lehrstück. Dass der Priesteranwärter Matteo, famos gespielt von Johannes Lukas, am Ende nur noch als Boxsack für die permanenten Boshaftigkeiten der „alten, weißen Männer“ dient… es ist zum Haare raufen. Ach übrigens: Natürlich outet sich Matteo als homosexuell und tangiert damit noch schnell allerlei LGBTQ-Themen. Warum sich der tiefgläubige Matteo „mit dieser Last“ allerdings überhaupt erst zum bibeltreuen Priester weihen lassen will, bleibt ungeklärt. Er ist der einzige „Gläubige“, dessen moralischer Kompass in diesem Stück in die richtige Richtung zeigt. Fast zwangsläufig überwindet er daher in einem pathetischen Schlussakt die ihn unterdrückende Institution Kirche. Was bleibt ist ein wenig Ratlosigkeit, denn selbst wenn in dieser katholischen Kirche vieles falsch läuft, auch dort wird es sicher Menschen geben, die sich aus christlicher und institutioneller Sicht auf dem richtigen Weg befinden. Dieses Vorurteildenken und „alle über einen Kamm scheren“ funktioniert als Satire nicht besonders gut.

Die Gunzenhäuser THEATERspielzeit geht bereits am 13. Dezember 2025 in die nächste Runde, dann mit dem fulminanten Mystical „Bayerische Rauhnacht“. Nähere Informationen dazu erhalten Sie unter www.gunzenhausen.info. Unterstützt wird die aktuelle THEATERspielzeit vom Bezirk Mittelfranken.

Quelle und Bild: Stadt Gunzenhausen – Manuel Grosser

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