Gunzenhausen – Wir Menschen sind ein komischer Haufen. Obwohl wir längst Atome spalten, mit der KI reden und auf dem Mond waren, scheint die Welt um uns herum noch immer ihre Geheimnisse zu haben. Was hinter dem menschlich Wahrnehmbaren liegt, darüber zerbrechen wir uns seit jeher den Kopf. Vor allem Spukgestalten, Geister und Gespenster gruseln und faszinieren uns, es ist das Quäntchen an Gänsehaut und Aberglaube, was uns in die Arme unheimlicher Geschichten treibt. Nachts erzählen die sich besonders gut, etwa in der Walpurgisnacht oder in den Raunächten. Das Mystical „Bayerische Rauhnacht“ greift dies auf und verbindet Bräuche und Rituale mit Musik und Folklore. Vergangenen Samstag war das von der Band Schariwari begleitete Stück im Rahmen der aktuellen Theatersaison in Gunzenhausen zu Gast.

Zwischen Wintersonnenwende und Drei-Königs-Fest treffen wir auf die Raunächte, eine schaurige Zeit, in der allerlei Zauberwesen unterwegs sind. So im Musiktheater „Bayerische Rauhnacht“, denn darin tummeln sich nicht nur ein Zaubertroll aus dem hohen Norden und ein alpiner Holzmandl, sondern auch Hexen, Druden, Dämonen, Perchten, Wotan und sogar Tod und Teufel. Klingt wild, war es auch, das Publikum bekam ein mit Musik aufgeladenes Gruselfeuerwerk dargeboten. Der rote Faden des außergewöhnlichen Stücks ist das Brauchtum und die unzähligen Geschichten, welche vielerorts über die geheimnisvollen Raunächte erzählt werden. Dabei beschränkt sich der Plot nicht auf die Voralpengegend, sondern nimmt Elemente aus Großbritannien, Skandinavien und Südeuropa mit in die Handlung auf.
Viel Liebe ist in dieses Mystical geflossen, das zeigt schon das Bühnenbild mit den unzähligen Dekostücken. Da liegt Herbstlaub herum und Holzwurzeln laden zum Verweilen ein. Kahle Äste und unheimliche Masken jagen die ein oder andere Gänsehaut den Rücken runter. Ein sinnliches Erlebnis für Auge, Ohr und später auch Nase, denn immer wieder wird künstlicher Nebel durch die Stadthalle ziehen. Als mystisches Fenster in eine andere Welt wird größter Wert auf Atmosphäre gelegt, selbst farblich durch allerlei Lichteffekte. Das Publikum goutierte dies und freute sich außerdem über die tollen Kostüme und die perfekte Choreographie. Besonders die beiden Protagonisten wussten mitzureißen, einmal die wunderbar vital-aufgedrehte Maresa Sedlmeier als Troll und außerdem Ferdinand Dörfler als grantelnder Holzmandl. Die beiden harmonieren prächtig, haben einnehmende Bühnenpräsenz und sind außerdem der personifizierte clash of cultures. Wo Dörfler tiefstes Bayerisch grummelt, plattdeutscht Sedlmeier durch die eindrucksvollen Szenen. Herrlich und mit viel Wortwitz sowie Spitzfindigkeiten angereichert. Nicht zu vergessen, die zahlreichen Querreferenzen auf popkulturelle Phänomene.
Die Band Schariwari gibt es bereits seit Ende der 1970er-Jahre. Mit dem Musiktheater „Bayerische Rauhnacht“ haben sie sich ein kleines, aber feines Denkmal gesetzt. Die Stücke passen thematisch hervorragend, mit einer ganz eigenen Mischung aus Folk- und Progrock musiziert die Band über die „Wuide Jagd“, feuern den „Hexentango“ an oder warnen vor dem „Geisterreigen“. Das Highlight ist ein Kuhglocken-Xylophon, das nicht nur fantastisch aussieht, sondern schier magische Töne von sich gibt. Leicht poetisch am Anfang entwickelt die Musik zum Ende hin einen eigenen Sog, der zum Abschluss des Mysticals gar für spontane Schunkel- und Feuerzeugeinlagen sorgt.
Klassisches Theater ist die „Bayerische Rauhnacht“ definitiv nicht. Die Handlung ist mystisch und kryptisch. Dieses Stück war keine einfache Kost und beschäftigt auch nach Schlusspfiff noch. Und das ist sicher so gewollt, gelten doch die Raunächte selbst ohne Mystical als Zeit des Nachdenkens und der Rückschau auf das vergangene Jahr. Und in dieser Zeit, in der die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt besonders dünn zu sein scheint, macht solch ein vorweihnachtliches Theatergeschenk doch gleich doppelt so viel Spaß. Oder wie es der Zaubertroll ausdrückte: „Die Kraft der Phantasie ist der Schlüssel zur Magie!“
Die Gunzenhäuser THEATERspielzeit geht am 14. März 2026 in die nächste Runde, dann mit den Sprachkünstlern vom Ensemble Persona. Die performen Shakespeares „Sommernachtstraum“ und versprechen große Bühnenmomente. Nähere Informationen dazu erhalten Sie unter www.gunzenhausen.info. Unterstützt wird die aktuelle THEATERspielzeit vom Bezirk Mittelfranken.
Quelle und Bilder: Stadt Gunzenhausen – Manuel Grosser
