Gemeinde kämpft um ihren Pfarrer

Muhr am See – Die heile Welt der Kirchengemeinde Muhr am See scheint am Ende zu sein. Nach 20 Jahren Dienst als Pfarrer soll der jetzige Stelleninhaber, der 62-jährige Pfarrer Karl-Heinz Brendel, wenige Jahre vor seiner Pensionierung die Gemeinde verlassen. Zumindest wenn es nach dem Willen des achtköpfigen Kirchenvorstands geht.

Pfarrer Brendel und Bürgermeister Dieter Rampe

Dieses Gerücht macht seit längerem die Runde. Nun reicht es Beate Hoch. Das aktive Gemeindemitglied hat sich mit einem Brief an die Redaktion des „Altmühl-Boten“ gewandt,
um ihren Unmut über dieses Vorhaben zum Ausdruck zu bringen.

„Die Frequenzen des Muhrer Buschfunks liefen in den letzten Wochen auf Hochtouren“, schreibt sie und beschwert sich, dass weder im Gemeindebrief etwas stand, noch eine Versammlung einberufen wurde, um über diese so wichtige „personelle Veränderung“ zu sprechen. Im Mittelpunkt ihrer Kritik: der Kirchenvorstand (KV).

Er ist das demokratisch gewählte Leitungsgremium einer evangelischen Kirchengemeinde in Bayern. Zu deren Aufgaben gehören unter anderem Mitarbeit bei der Besetzung einer Pfarrstelle und im Konfliktfall auch die Mitwirkung bei einem Antrag auf Abberufung eines Geistlichen. Dazu müssen aber sehr schwer wiegende Gründe im dienst- oder strafrechtlichen Bereich vorliegen.

„Das trifft definitiv nicht auf Pfarrer Brendel zu“, betont dessen Dienstvorgesetzter, der Gunzenhäuser Dekan Klaus Mendel. Was also ist es, was das Muhrer Kirchenvolk grummeln lässt? Der meistgehörte Satz im Ort lautet: „Ich verstehe das nicht.“ Das sagt nicht nur Beate Hoch, sondern auch zufällig angetroffene Passanten oder Bürgermeister Dieter Rampe, der nach eigenen Angaben „einen ausgezeichneten Kontakt zu Pfarrer Brendel hat.“

Einmal im Monat treffen sich die beiden, „weil wir viele gemeinsame Berührungspunkte haben“. Sie hätten noch nie ein Problem miteinander gehabt, betont er, „weder menschlich noch fachlich“. Er „bedauere es zutiefst“, dass sich KV-Vertreter nicht an die politische Gemeinde gewandt haben.

Kein Vertrauen mehr

Der KV hat Stillschweigen vereinbart. Doch deshalb wurde erst recht getuschelt. Da, vermutet es die Briefschreiberin, „konkrete Verfehlungen nicht ersichtlich waren“, müssen also andere Gründe herhalten. Das
erinnert ein wenig an den Fall des ehemaligen katholischen Pfarrers von Treuchtlingen, Matthias Fischer.
Auch er musste die Gemeinde verlassen, obwohl rechtliche Gründe nicht zu erkennen waren.

Nun also trifft es den evangelischen Geistlichen von Muhr am See. Auf Nachfrage des „Altmühl-Boten“ sprach die Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, Eva-Maria Niekel, von „einem nicht mehr vorhandenen Vertrauensverhältnis“. Mehr dürfe sie nicht sagen. Das lässt weitere Spekulationen zu.

Dass sich die Beteiligten bedeckt halten, ist ihr gutes Recht und soll auch nicht kritisiert werden. Das Problem ist dennoch fehlende Transparenz in diesem äußerst verwirrenden Verfahren. Wenn Mitglieder des Kirchenvorstands nicht reden dürfen oder wollen, tun das andere. Und das nicht zu knapp.

„Wozu haben wir die eigentlich gewählt?“, empört sich ein Mittvierziger. „Das regt mich wahnsinnig auf“, schimpft eine 85-jährige, die sich „als großen Fan vom Pfarrer Brendel“ bezeichnet. Ihr Fazit: „Das hat er nicht verdient.“ Und immer wieder dieser Satz: „Ich verstehe das nicht.“

Auf dem Netto-Parkplatz öffnen sich andere: „Er hat meine drei Kinder getauft und konfirmiert, seine Predigten sind gut und bauen mich auf“, sagt eine 49-jährige Mutter. „Was ist das nur für ein Kirchenvorstand, der einen Pfarrer quasi rausschmeißt“, echauffiert sich die 72-jährige Erika Schuster. Sie stellte gar „den christlichen Glauben“ des Gremiums in Frage. Gesprochen haben viele, gehört wurde nur Positives über diesen Seelsorger.

Es gibt also jede Menge Befürworter Brendels. In nur zwei Tagen kamen laut Beate Hoch 100 Unterschrif-
ten für eine Petition zusammen. Vergebens, wie sie schrieb. Eine weitere Zusammenarbeit komme für den Kirchenvorstand mit diesem Pfarrer nicht mehr in Frage. „Ein ungläubiges Kopfschütteln geht durch die Gemeinde“, schreibt sie weiter. Der stellvertretende Vertrauensmann Jürgen Danner (62) drückt sich diplomatisch aus: „Nach 20 Jahren Dienst haben wir den Pfarrer gebeten, dass er noch einmal eine andere
Gemeinde übernimmt.“ Wann dieser Schritt erfolgt, entscheide der Pfarrer, so Danner.

Dekan Mendel spricht von einem „Abklärungsprozess, der zu einem Ergebnis führen muss“. Seit einem Jahr besucht er regelmäßig die Kirchenvorstandssitzungen, um sich selbst ein Bild von dem Gremium zu machen. Letztlich könne er nur begleiten und beraten, „weil explizit kein Beschluss zur ungedeihlichen Zusammenarbeit gestellt wurde“. So ein Vorwurf wiegt sehr schwer, trifft aber offenbar in Muhr nicht zu.

Trotzdem ist etwas schiefgelaufen, kritisiert Beate Hoch. Sie zweifelt „die Fähigkeit zur Konfliktlösung“ des KV an, will „kein Interesse an Problemlösungen und Kompromissen“ erkennen.

Wie tief die Gräben zwischen KV und Pfarrer sind, wurde bei den Glückwünschen zu Brendels 20-jährigem Dienstjubiläum Ende September deutlich. Nicht die Vertrauensfrau oder ihr Stellvertreter sprachen diese
im Namen der Kirchengemeinde aus, sondern Mesnerin Karin Schuster.

Und was sagt der Betroffene selbst? Im Gespräch mit dem Reporter erzählt Brendel über seine Begeisterung für Seelsorge, die rund 240 Hausbesuche pro Jahr und die vielen Gespräche mit den Menschen seiner Gemeinde auf der Straße. „Gartenzaunseelsorge“ nennt er das. Was treibt ihm an? Brendel wird konkret: „Ich will ein menschenfreundliches Bild von Kirche vermitteln.“ Darunter versteht er eine „Begleitung durch die Höhen und Tiefen des Lebens“.

Umso härter traf ihn die zunehmende Ablehnung des kirchlichen Leitungsgremiums. „Raus mit der Sprache, was stört euch?“, habe er sie in einer der vielen Sitzung gefragt. Antwort: Schweigen. Brendel, ein ehemaliger Militärdekan im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr, habe damals viel mit Kommandeuren und der Generalität zu tun gehabt. „Echte Hardliner“, sagt er. Aber das, was sich jetzt im beschaulichen Muhr abspielt, „habe ich noch nie erlebt“.

Besonders enttäuscht zeigt er sich über Folgen einer gemeinsame Sitzung zur Vorbereitung eines besonderen Gottesdienstes, die nach seiner Beobachtung „großartig verlaufen ist“. Zwei Tage später forderten KV-Vertreter von Regionalbischöfin Gisela Bornowski seine Abberufung. Er beteuerte, „dass es nie einen echten Streit gegeben“ habe. Diskussionen ja, „aber ich liebe als Teamplayer demokratische Prozesse“.

„Schmutzwäsche waschen“

Das der KV offenbar alles unternimmt, um den von vielen hochgeschätzten Pfarrer loszuwerden, zeigt eine Sitzung vom 11. September. Dafür reisten extra an: Bornowski, Corinna Hektor aus Augsburg, die Vorsitzende des Pfarrervereins, und eine Rechtsanwältin aus dem Landeskirchenamt München. Eine Dreiviertelstunde redeten sie auf den Kirchenvorstand ein und warnten ausdrücklich vor einer möglichen Schlammschlacht. Wörtlich hieß es: „Es wird dann die schmutzigste Schmutzwäsche gewaschen.“

Alle relevanten Menschen werden beispielsweise einzeln angehört, um über den Pfarrer zu sprechen, der buchstäblich bei diesem Verfahren am Pranger steht. Spätestens an diesem Punkt sollte ein Umdenken passieren. Nicht so in dieser Gemeinde und diesem Kirchenvorstand. Das Ergebnis der Einzelbefragung durch
die Regionalbischöfin war eindeutig, die Erschütterung bei Pfarrer Brendel groß. „Mir ist es nicht egal, ob sich
die Gemeinde zerfleischen wird“, sagt er, im Gegenteil. Er möchte hier in Frieden arbeiten „und das Werk der Versöhnung fortsetzen“.

Ein Aufschrei in der Gemeinde war die Folge dieser Sitzung. Unter dem Titel „Die Schande von Muhr“ wurde ein Blatt in den beiden Kirchen in Neuen- und Altenmuhr ausgelegt, das an Deutlichkeit nicht zu überbieten ist. Dort heißt es wörtlich: „Und die, die eigentlich die Gläubigen vertreten sollten, taten sich zusammen, um im Verborgenen den zu richten und zu verstoßen, der so Vieles hat getan im Namen Gottes und zum Wohle der Gemeinde.“

Für die Regionalbischöfin ist bereits jetzt die Sache klar – und offenbar abgeschlossen. Sie ließ durch ihren Referenten Gerhard Gronauer folgendes Statement ausrichten: „Herr Pfarrer Karl-Heinz Brendel wird auf eigenen Wunsch, im Einvernehmen mit seinem Kirchenvorstand, die Kirchengemeinde Muhr verlassen und in der Landeskirche demnächst eine neue Aufgabe übernehmen.“

Quelle: Altmühl-Bote – Reinhard Krüger

Ein Kommentar

  1. Welch ein zum Himmel schreiendes Chaos von Selbstgerechtigkeit und Arroganz herrscht in „diesem von den gewählten Vertretern der Kirchengemeinde Muhr am See. Hier wird ein Pfarrer, ein guter Hirte seiner Gemeinde, von einem Kirchenvorstand – regelrecht gemobbt – ohne Angabe von Gründen. Durch dieses Verhalten kann über die Gründe nur spekuliert werden und es wird den „negativen Gedanken“ Tür und Tor öffnen. Hier stigmatisiert der KV – ohne Fakten zu nennen – offensichtlich „ihren Pfarrer“ – einen Menschen – der für seine Gemeinde mit Freude, mit Herzblut, christlicher Nächstenliebe arbeitet und lebt.
    „Wollen Sie verehrter Kirchenvorstand für die psychischen und physischen Schäden – die sie durch dieses, ihr Verhalten dem Menschen Karl-Heinz Brendel antun – verantwortlich werden?“
    Die Kirchengemeinde will ihren beliebten Pfarrer Karl-Heinz Brendel behalten – warum geht dann nicht der Kirchenvorstand! Das wäre nur konsequent!
    Lieber Kirchenvorstand denken Sie nach im christlichen Sinne…

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