Gunzenhausen

Der verhängnisvolle Wandel Gunzenhausens in der NS-Zeit

Gunzenhausen – Am kommenden Montag erscheint das Buch „Verhängnisvoller Wandel“ Ansichten aus der Provinz

von links: Herausgeber Dr. Thomas MEdicus, Autorin Sandra Starke, Stadtarchivar Werner Mühlhäußer und Bürgermeister Karl-Heinz Fitz
von links: Herausgeber Dr. Thomas Medicus, Autorin Sandra Starke, Stadtarchivar Werner Mühlhäußer und Bürgermeister Karl-Heinz Fitz

von 1933 – 1949 des in Gunzenhausen geborenen Germanisten, Kunsthistoriker und Politikwissenschaftler Dr. phil. Thomas Medicus im Handel. Er befasst sich darin zusammen mit neun weiteren Autoren mit der Fotosammlung der Gunzenhäuser Familie Biella.

Curt Biella wurde 1890 als Sohn eines Eisenbahnbeamtenehepaars in Dessau geboren. Er leistete seinen Wehrdienst ab 1911 in den Luftschifferbataillonen in Berlin und Königsberg ab und begleitete dabei viele Zeppelinflüge als Fotograf. Im Ersten Weltkrieg war er unter anderem als Fotograf auf dem Balkan für militärische Zwecke eingesetzt. Ende 1918 heiratete er die Dinkelsbühler Fotografin Wilhelma Fröhlich und übernahm kurz darauf mit seiner Ehefrau das etablierte Fotoatelier von Georg Hemmer in der Hensoltstraße in Gunzenhausen. Nach seinem Tod 1938 führten seine Witwe und die beiden Töchter Olga und Vera das Fotoatelier weiter bis es 1988 nach einer 70jährigen Betriebsdauer von Vera Biella geschlossen wurde.

Bei einer Wohnungsauflösung 2003 wurden 2451 Einzelaufnahmen dieses Fotostudios gefunden und durch die Stadt für das Stadtarchiv angekauft und gesichert. Mit dieser einzigartigen Fotosammlung, die das erschreckende Szenario der gewaltsamen Machtetablierung der NSDAP auf lokaler Ebene ebenso wie die Formierung und den Zerfall der lokalen „Volksgemeinschaft“ in den Jahren 1933 bis 1949 zeigt, befasst sich Dr. Thomas Medicus mit seinen Coautoren in seiner neuesten Veröffentlichung.

Bei der Buchpräsentation bezeichnete Bürgermeister Karl-Heinz Fitz das Buchprojekt von Dr. Thomas Medicus als einen weiteren wichtigen Baustein in der aktiven Aufarbeitung der beklemmenden NS- Vergangenheit der Stadt. Gunzenhausen ist diese Vergangenheitsbewältigung bereits in der jüngsten Vergangenheit mit vielen Aktionen wie Ausstellungen, Gedenkfeiern und dem Internetprojekt über das jüdische Leben in Gunzenhausen sehr aktiv angegangen und war Dr. Thomas Medicus bei seinen Recherchen gerne behilflich. Das Buch ermöglicht es Abläufe in der Geschichte Gunzenhausens besser zu verstehen und Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen.

Bei ihren Recherchen zu den fotografischen Darstellungen erkannte Dr. Thomas Medicus mit seinen Autoren, dass sich die völkische Radikalisierung Deutschlands in den 20er und 30er Jahren fern ab von den großstädtischen Zentren vollzogen hat. Die Provinz war die Machtbasis der NSDAP. Als ein derartiger Provinzeller Ort mit 3500 Einwohnern entwickelte sich Gunzenhausen in diesen Jahren zu einem völkischen Herzen der Finsternis. Bereits 1934 gab es hier ein Pogrom gegen Juden, an dem sich große Teile der Bevölkerung beteiligten und bei dem zwei jüdische Mitbürger ums Leben kamen.

Das Buch macht mit Bildern von zahllosen in Parteiuniformen steckenden „Volksgenossen“ die Selbstmobilisierung derjenigen sichtbar, die nach 1945 nichts gewusst haben wollen. Die vorherrschende Gewalt gegen Andere dokumentieren knapp hundert Porträtaufnahmen einer „Judenkartei“ ebenso wie die erschütternden Bilder von deportierten Zwangsarbeitern.

Nach Kriegsende blickten dann zur Entnazifizierung die lokalen Nazigrößen im Auftrag der amerikanischen Militärverwaltung in die Kameras des Fotostudios Biella. Die Autorinnen und Autoren des Buches beschäftigen sich an Hand der gefundenen umfangreichen Fotosammlung mit dem Aufstieg der NSDAP im ländlichen Raum, der neuen Rolle der Fotografie als lokalem Akteur, dem Terror gegen die lokalen Juden, dem „Judenarchiv“, den Zwangsarbeiterporträts wie auch der „Volksgemeinschaft“ in Gestalt von Männer- und Frauenporträtaufnahmen.

Für Stadtarchivar Werner Mühlhäußer, der auch selbst als Autor an dem Buch beteiligt ist, haben besonders die Aufnahmen der Häuser und Straßenzüge eine besondere kommunalgeschichtliche Bedeutung. Die Mitautorin Sandra Starke stellte bei der Buchpräsentation besonders die für sie wichtige Rolle der Familie in der Geschäftsführung des Ateliers und als Ortschronisten heraus. Für sie zeigt die Sammlung auch besonders die anwachsende Rolle der Pressefotografie als neue Darstellungsform in der NS-Zeit und die Bedeutung der fotografischen Visualisierung als Propagandamittel für das NS-Regime.

Das mit rund 250 Fotos aus der Sammlung der Familie Biella illustrierte Buch ist ein bewegendes Zeugnis der kleinstädtischen Täter, Opfer und Zuschauer. Es erscheint im Hamburger Edition-Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung und ist im Handel für 38 Euro erhältlich.

Am 22. September wird das Buch im großen Saal der Stadthalle um 19:30 Uhr der Öffentlichkeit offiziell vorgestellt.

(KH)

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